Das Leben des hl. Augustinus I

P. Dr.Dr.h.c. C. P. Mayer OSA

Ausgezeichnete Quellenlage

Im Unterschied zu den meisten Persönlichkeiten der alten Kirche sind unsere Kenntnisse über Augustinus alles andere als dürftig. Der Grund dafür liegt zunächst darin, dass Augustinus seine Confessiones – Bekenntnisse – schrieb. In diesem unvergleichlichen Werk der Weltliteratur hatte er seine eigene Biographie von frühester Jugend bis zu seiner Bekehrung zum Christentum deutend verarbeitet. Gewiss, diese seltsame Autobiographie geriet durch das Aufkommen der historisch-kritischen Methode für längere Zeit in das Feuer der Kritik. Heute scheint jedoch – nicht zuletzt aufgrund sorgfältiger, auch die Philologie miteinbeziehender historischer Untersuchungen – das Vertrauen in deren Glaubwürdigkeit wiederhergestellt zu sein. Selbstverständlich dient auch das übrige Schrifttum Augustins, seine Bücher, Briefe und Predigten, als Quelle für seine Biographie. Von außergewöhnlicher biographischer Dichte sind die so genannten Retractationes - Nachprüfungen. Der greise Bischof hat nämlich in einer Art schriftstellerischer Beichte jedes einzelne seiner Werke nochmals durchgesehen, und wo er es für nötig fand, mit Korrekturen auch inhaltlicher Art versehen. Dabei fügte er zu vielen Schriften wertvolle Informationen über die Zeit, die Dauer und den Ort des Entstehens sowie über den Anlass zur Abfassung eines Werkes bei.

Neben all diesem autobiographischen Material ist schließlich noch die Vita des Bischofs Possidius, eines Zeitgenossen und engen Vertrauten Augustins, zu erwähnen. Freilich kann sie sich weder in Form noch in Inhalt mit den Confessiones messen. Dennoch informiert sie trotz gewisser Einseitigkeiten zuverlässig über Augustin als einen Mann der Kirche. Aurelius Augustinus wurde am 13. November 354 in Thagaste (heute Algerien) geboren. Sein Vater Patricius, ein städtischer Beamter und möglicherweise Nachkomme eines römischen Veteranen, ließ dem begabten Sohn eine klassische Ausbildung zuteil werden. Trotzdem blieb sein Einfluss auf die geistige Entwicklung seines Sohnes geringer als der der Mutter Monnica, die im Gegensatz zu ihrem Mann gläubige Katholikin war und ihre nicht getauften Kinder christlich erzog. Den Elementarunterricht erhielt Augustinus in seiner Vaterstadt. Zur Weiterbildung in Grammatik und Rhetorik wurde er nach Madaura, unweit Thagaste, gesandt. Da die Mittel für ein Hochschulstudium fehlten, kehrte Augustin für ein Jahr nach Thagaste zurück. Nachdem es den Eltern gelungen war, mit Hilfe eines Gönners, des Großgrundbesitzers Romanianus, die Kosten aufzubringen, zog Augustin im Jahre 370 nach Karthago, wo er die Freiheiten eines sorglosen Studentendaseins genoss. Er ging häufig ins Theater, nahm sich eine Konkubine, die ihm, dem Neuzehnjährigen, einen Sohn schenkte. Er gab ihm den Namen Adeodatus - von Gott geschenkt.

Zum Studium der Rhetorik gehörte die Lektüre der Werke Ciceros. Augustin berichtet: »Im Verlauf des Studiengangs kam ich an das Buch eines gewissen Cicero ... Es enthält seine Aufforderung, sich der Philosophie zu widmen, und trägt den Titel Hortensius. Jenes Buch führte eine Wende in mir herbei« (conf. 3,4). Wie sehr sich indes Augustin diese Wende nur unter religiösen Leitbildern vorzustellen vermochte, zeigt seine Reaktion: Er war enttäuscht, dass er darin den Namen Christi, »den er schon mit der Muttermilch fromm in sich hineingetrunken hatte« (ebd.), nicht fand. Er beschloss deshalb, in Sachen Weisheit mit Hilfe der Bibel weiterzukommen. Als Rhetor hatte er jedoch mit ihrem schlichten Stil etliche Schwierigkeiten. Außerdem plagte ihn die ungelöste Frage nach dem Ursprung des Bösen. Das Versprechen der Manichäer, darauf eine plausible Antwort geben zu können, trieb ihn ins Netz dieser Sekte. Der Manichäismus, eine vom Perser Mani im 3. Jahrhundert n. Chr. aus unterschiedlichen Strömungen zusammengesetzte Religionsgemeinschaft, fußt auf einem mythologischen System, das sich weltanschaulich auf einen ontologischen Dualismus zurückführen lässt.

Danach stehen das Gute und das Böse sich von Anfang an als einander ausschließende Prinzipien gegenüber - in der Sprache des Mythos: die Mächte der Finsternis und des Lichtes. Das gegenwärtige Unheil bestehe in der Vermischung der beiden Prinzipien; Erlösung hingegen meine letztlich Befreiung und Sammlung des Guten aus der Sinnen- und Schattenwelt. Was Augustin am Manichäismus fasziniert hatte, war der Rationalitätsanspruch der manichäischen Dogmatik. Dennoch vermochte er sich nicht dem engeren Kreis der »Auserwählten« (electi) anzuschließen. Er blieb während seiner neunjährigen Mitgliedschaft ein bloßer »Hörer« (auditor). Sein missionarischer Eifer war trotzdem beachtlich. Er gewann nicht wenige für die Sekte und nahm sogar die Entfremdung zwischen sich und seiner Mutter in Kauf, die ihm vorübergehend das Haus verbot. Augustin wird als Zwanzigjähriger seine Studien zum Abschluss gebracht haben. Er lehrte zunächst kurze Zeit in seiner Vaterstadt und dann bis 383 in Karthago Rhetorik. Seine Lehrtätigkeit ließ ihm genug Zeit zu intensiven wie extensiven Studien. Damals las er ohne Anleitung des Aristoteles Schrift über die Kategorien. Er vertiefte sich in das Studium der Freien Künste und eignete sich eine Unmenge enzyklopädischen Wissens an, das ihn allmählich vom Manichäismus entfremdete.

Teil 2