Das Leben des hl. Augustinus II

P. Dr.Dr.h.c. C. P. Mayer OSA

Rom und Mailand

Um diese Zeit wachsender Distanz zum Manichäismus verließ Augustin 383 seine Wirkungsstätte. Er zog nach Rom. Als Grund geben die Confessiones das lümmelhafte Benehmen der karthagischen Studenten an (conf. 5,8). Aber die Studenten dort enttäuschten ihn nicht weniger, denn sie blieben ihm vielfach das Honorar schuldig (conf. 5,12). Er war darum froh, als sich seine finanziellen Verhältnisse durch seine Berufung zum Professor der Rhetorik in Mailand entschieden verbesserten. Der Umzug erfolgte noch vor seinem dreißigsten Geburtstag. Monnica zog bald mit den Verwandten von Afrika nach. Auf ihren Einfluss hin entließ er, eine standesgemäße Heirat anstrebend, die Mutter seines Sohnes. Weil ihm sexuelle Enthaltsamkeit zusetzte, verschaffte er sich zwischenzeitlich eine andere Konkubine (conf. 6,13.15).

Augustin begegnete in Mailand dem Christentum in der imponierenden Gestalt des Bischofs Ambrosius. Er begann dessen sonntägliche Gottesdienste zu besuchen, zunächst freilich nur »um zu prüfen, ob dessen Redekunst mit ihrem Ruf in Einklang stünde« (conf. 5,13). Der Prediger entnahm das theoretisch-weltanschauliche Gerüst seiner Darlegungen nicht nur der Bibel, sondern auch der neuplatonischen Philosophie, so dass Augustin die biblische Theologie wahrscheinlich schon im Kontext platonischen Denkens kennen lernte. Hinzu kommt, dass er in Mailand Kontakte auch zu einem Kreis christlicher Intellektueller geknüpft hatte. Von einem solchen wurden ihm die Schriften Plotins in die Hände gespielt (conf. 7,9; 8,2). Augustin verdankte der Lektüre dieser Schriften die Einsicht in die Immaterialität des geistig Seienden und damit zugleich die Überwindung des manichäischen Dualismus. Er begriff die raum- und zeitlose Natur Gottes sowie die ordnende und strukturierende Macht des Geistigen in der materiellen Welt. Hand in Hand mit solchen Klärungen philosophisch-weltanschaulicher Fragen ging eine Annäherung an die christliche Offenbarungslehre. Augustin verglich seine durch den Neuplatonismus gewonnenen Einsichten mit der Bibel. Er stellte dabei Gemeinsamkeiten - freilich auch Unterschiede - fest (conf. 7,9). Die Gemeinsamkeiten scheinen jedoch hingereicht zu haben, um ihn vom intellegiblen Charakter der christlichen Offenbarungslehre ein für allemal überzeugt zu haben.

Nach der Schilderung der Confessiones begegnet uns von diesem kognitiven Wandel ab in Mailand ein Augustinus, dem sein gewohntes Leben von Tag zu Tag mehr zur Last wurde. Er sucht neue Wege, um vorwärts zu kommen, und greift zu den Schriften des Apostels Paulus (conf. 7,21). Diesen Griff nach den Paulinen zeichnet er besonders anschaulich in dem bald nach seiner Bekehrung geschriebenen Dialog »Gegen die Akademiker«. Er berichtet dort von dem Feuer, das die Schriften der Neuplatoniker in ihm entfacht hatten, und fährt fort: »Eilends kehrte ich ganz und gar zu mir zurück. Dennoch, ich gestehe es, schaute ich mich gleichsam wie auf einer Wanderung nach jenem Land um, das uns als Kindern eingepflanzt und ins Mark eingesenkt wurde. In der Tat, dieses Land meiner Kindheit zog mich ohne mein Wissen an. Und siehe, da greife ich bald schwankend, bald eilend, bald wieder zögernd nach dem Apostel Paulus ... Mit größter Aufmerksamkeit und Ehrerbietung las ich ihn ganz durch« (Acad. 2,2).

Waren auf der kognitiven Ebene bereits alle Hindernisse beseitigt, so musste nach der deutenden Darstellung der Confessiones auf der emotionalen noch einiges in Gang gesetzt werden. Augustins Wille sei noch »wie in Ketten gebunden« gewesen (conf. 8,5). Diese Trägheit überwand der Zögernde durch Impulse, die er durch den Bericht des Priesters Simplicianus über das Leben des Neuplatonikers Marius Victorinus und schließlich durch die Erzählungen seines Landsmannes Ponticianus über den Mönchsvater Antonius sowie über die wunderbare Bekehrung zweier kaiserlicher Offiziere gerade zur rechten Stunde zu hören bekam. Was das Leben des Victorinus betraf - er kam ca. 340 nach Rom, wurde im Jahre 355 getauft und starb im Jahre 361 -, so musste Augustinus in dessen Bekehrungsgeschichte gleichsam das Spiegelbild seiner eigenen sehen. Jener war ein gefeierter Rhetor, ein belesener Philosoph, Lehrer, dazu Landsmann, Afrikaner, der durch die Lektüre der Schrift zum Christentum kam (conf. 8,2).

Von Ponticianus bekam er gleich drei Bekehrungsgeschichten zu hören: Die des Antonius konfrontierte ihn mit der Existenz des christlichen Mönchtums. Die Idee eines gemeinsamen Lebens mit Gleichgesinnten war im Mailänder Freundeskreis Augustins schon des Öfteren besprochen worden. Der Plan scheiterte jedoch an der Frage der Teilnahme der Ehefrauen an dieser Lebensform (conf. 6,14). Antonius und die ägyptischen Mönche brachten es fertig, wozu die Bibel in seinen Augen riet: zum Rückzug aus der Welt. Ponticianus fügte seiner Erzählung über Antonius noch die Bekehrungsgschichte zweier ihm persönlich bekannter kaiserlicher Offiziere hinzu. Diese fanden auf einem Ausflug bei Trier in einer Mönchszelle die Vita des Antonius. Nach deren Lektüre verließen sie ihre Bräute, gaben ihre Karriere auf und wählten für sich die monastische Lebensform (conf. 8,6).

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