Das Leben des hl. Augustinus III

P. Dr.Dr.h.c. C. P. Mayer OSA

Die Bekehrung

Nun schlug für Augustin die Stunde der Bekehrung. Die Confessiones schildern sie mit hohem sprachlichen Können. Augustin spricht »von einem großen Aufruhr im Innern seines Hauses« (conf. 8,19). Er stürmt auf seinen Freund Alypius zu, der schon seit der Zeit in Karthago seine geistige Entwicklung mitverfolgte: »Hast du das gehört? Ungebildete stehen auf und reißen den Himmel an sich, und wir mit unserer Bildung ohne Herz wälzen uns in Fleisch und Blut.« In diesem Zustand ging er in der Garten. Er ließ sich dort unter einem Feigenbaum nieder.

Als müsste er nochmals die Qualen seiner manichäischen Irrtümer vom doppelten Willen durchleiden, klagte er sich unter Tränen heftig an: »Wie lange noch, wie lange morgen und morgen? Warum nicht jetzt? ... Solches sprach ich ... Und siehe, da höre ich eine Stimme aus dem Nachbarhaus, ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist, weiß ich nicht, die in singendem Ton oftmals wiederholt: ‘Nimm und lies! Nimm und lies!' Sofort veränderte sich mein Antlitz und ich begann gespannt nachzudenken, ob Kinder in irgendeinem Spiel Derartiges zu leiern pflegen, aber ich erinnerte mich nicht, je solches gehört zu haben. So hielt ich den Strom meiner Tränen zurück und erhob mich; denn ich konnte es nicht anders deuten, als dass mir von Gott befohlen werde, ein Buch zu öffnen und dort das erste Kapitel zu lesen, das ich finden würde.« So kehrte er eilends zu Alypius zurück, wo er die Briefe des Apostels liegen gelassen hatte. Er greift danach und liest Röm 13,13f:

»Nicht in Gelagen und Zechereien, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Hader und Eifersucht, ziehet vielmehr den Herrn Jesus Christus an und pflegt nicht das Fleisch zur Erregung eurer Lüste.« Weiter wollte er nicht lesen, denn Licht erfüllte sein Herz, und alle Finsternis war wie zerstoben (conf. 8,28-30).
Bald nach der Bekehrung gab Augustin sein Lehramt in Mailand auf. Er zog sich mit einer kleinen Schar von Verwandten, Freunden und Schülern auf das Landgut Cassiciacum, unweit Mailand, zurück, das ihm sein Freund Verecundus für einige Zeit zur Verfügung stellte (conf. 9,3). Dort verbrachte er den Herbst und auch den Anfang des Winters in philosophischen Gesprächen, mit Vergillektüre, Meditation und Gebet. Dort entstanden auch seine ersten uns überlieferten Schriften. Im Winter kehrte er zur Vorbereitung auf die Taufe, die er in der Osternacht aus den Händen des Bischofs Ambrosius empfing, nach Mailand zurück (conf. 9,6). Noch in diese Zeit seines zweiten Mailänder Aufenthaltes fallen die Arbeiten an den ersten eines auf viele Bände geplanten Unterrichtswerkes zu den Freien Künsten. Ziel dieser neu konzipierten Enzyklopädie war eine Reform des gesamten Unterrichtswesens. Die neuen Lehrbücher sollten das pädagogisch-didaktische Anliegen verfolgen: »die Lernenden vom Körperlichen zum Unkörperlichen zu führen« (retr. 1,6).

Wie sehr der Neubekehrte von diesem zweifelsohne nicht nur christlichen, sondern weithin auch neuplatonischen Programm des »Aufstiegs« fasziniert war, zeigt das Gespräch, das er mit seiner Mutter Monnica kurz vor deren Tod in der Hafenstadt Ostia führte. Gewiss, die Confessiones geben den Inhalt dieses in eine Exstase mündenden Gespräches aus verklärter Erinnerung wieder (conf. 9,10). Dennoch dürfte der Tenor des Gespräches, dessen beinahe lyrischer Text mit zu den Höhepunkten der Confessiones zählt, treffend die Geistesverfassung des in die Heimat Zurückkehrenden spiegeln, der seit seiner Bekehrung nichts Wichtigeres im Sinne hatte als den »Stufengesang«, wie er den kontemplativen Aufstieg nannte (conf. 9,2).
Monnica starb kurze Zeit später im 56. Jahre ihres Lebens. Augustin versuchte zunächst seinen Schmerz über den Verlust der Mutter zu unterdrücken, nachdem aber die Trauerfeier zu Ende und er mit seinem Gott allein war, gab er dem Ungestüm seines Empfindens nach. Auch durch die Schilderung dieser seiner Empfindungen setzte er seiner Mutter, der er so viel verdankte, ein literarisches Denkmal: »Und ich ließ meinen Tränen, die ich zurückhielt, freien Lauf, dass sie entströmten, wie sie wollten, und ich bettete mein Herz auf sie: Und es fand Ruhe in ihnen ... Und nun, Herr, bekenne ich es dir in geschriebenen Worten. Und mag es lesen, wer will, und mag es deuten, wie er will, und findet er es sündhaft, dass ich den Bruchteil einer Stunde um meine Mutter geweint, die Mutter, die meinen Augen für jetzt gestorben war, die so viele Jahre um mich geweint, dass ich vor deinen Augen zum Leben käme, der lache nicht, es weine vielmehr auch er selbst, wenn er reich an Liebe ist, für meine Sünden zu dir, dem Vater aller Brüder deines Christus« (conf. 9,12).

Nach einem durch die Wintermonate und politische Wirren erzwungenen einjährigen Aufenthalt in Rom, wo Augustin seine schriftstellerische Arbeit fortsetzte, kehrte er 388 nach Thagaste zurück. Er verkaufte einen Teil der väterlichen Besitzungen und zog sich mit Gleichgesinnten zu einem gemeinsamen, philosophisch geprägten asketisch-monastischen Leben zurück. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit und seines Lebenswandels verbreitete sich rasch. Und so geschah es, dass er, als er eines Tages in der Hafenstadt Hippo Regius weilte und den dortigen Gottesdienst besuchte, von der versammelten Gemeinde zum Priester gewählt wurde. Gerade an dem Tag trug nämlich der schon greise Bischof Valerius seiner Gemeinde den Wunsch nach der Wahl eines jüngeren Priesters vor. Augustin war 37 Jahre alt, als Valerius ihm Anfang 391 die Hände auflegte. Er ließ sich zunächst für einige Wochen beurlauben, um sich durch intensiveres Bibelstudium auf seine kommenden Aufgaben vorzubereiten (ep. 21).

Obgleich das Predigtamt nach der damaligen afrikanischen Gepflogenheit dem Bischof allein zustand, beauftragte Valerius dennoch seinen Presbyter mit der Wahrnehmung auch dieser Aufgabe. Augustin sollte dieses Amt nahezu 40 Jahre ausüben. Seine Predigten - ungefähr ein Zehntel, fast 600, sind uns überliefert -, mit denen er seine Hörer faszinierte, waren vornehmlich biblisch ausgerichtet. In der Zeit seines Presbyterates richteten sie sich vor allem gegen die Manichäer. Deren Bekämpfung ist auch das beherrschende Thema seiner Schriften von damals.

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