Das Leben des hl. Augustinus IV

P. Dr.Dr.h.c. C. P. Mayer OSA

Der Bischof Valerius hatte es eilig, Augustinus zu seinem Mitbischof zu bestimmen; er befürchtete zu Recht, man könne ihm seinen begabten Presbyter schon bei der nächsten Sedisvakanz irgendwo in Afrika entreißen. Daher ließ er ihn noch zu seinen Lebzeiten um 395 zu seinem Mitbischof weihen. Als er kurz darauf starb - wahrscheinlich 396 -, übernahm Augustin die Leitung der Diözese. Als Bischof hatte er allem voran der Liturgie vorzustehen, Sakramente zu spenden und zu predigen. Hinzu kam das breite Feld der Seelsorge mit ihrer Vielfalt von Aktivitäten, zu denen damals neben den ausgesprochen pastoralen Aufgaben wie z.B. der katechetischen Unterweisung der Taufbewerber, der karitativen Werke und der Verwaltung des Kirchenvermögens auch bestimmte Bereiche in der Rechtsprechung gehörten. Da nämlich die christlichen Bischöfe kraft kaiserlicher Gesetze ermächtigt waren, bei Rechtsstreitigkeiten Schiedssprüche zu fällen, und da sie diese Aufgaben für gewöhnlich schneller und unkomplizierter erledigten als die staatlichen Organe, zogen die Prozessierenden es vor, die Erledigung ihrer Fälle bei ihrem zuständigen Bischof zu erwirken. Das bischöfliche Forum von Hippo war oft von Morgen bis zum späten Nachmittag belegt. Obgleich Augustin nach eigenen Angaben (ep. 124,1) nicht gerne reiste, verließ er dennoch unzählige Male die Grenzen seines Bistums, um an Synoden und Konzilien in Afrika teilzunehmen.

Oft hielt er sich mehrere Monate lang in Karthago auf, wo er auch regelmäßig predigte und fleißig die gut ausgestatteten Bibliotheken frequentierte, um sich allerlei Notizen für seine diversen Publikationsvorhaben zu verschaffen.

Der Schriftsteller und sein immenses literarisches Werk

a) Das apologetische Schrifttum
Gewiss hatte das kirchliche Amt Augustins Arbeitsfeld und Lebensrhythmus verändert. Trotzdem blieb er auch während seines Episkopates allem voran Theologe und Schriftsteller. Seine bleibende Bedeutung gründet letztlich in den großen theologischen Werken, die er erst als Bischof in Angriff nahm und die er darum auch bewusst als eine Dienstleistung an der Kirche verstanden wissen wollte. Dies zeigt sich bis in die Wahl der Themen. Innerhalb seiner Werke kann man drei, durch apologetische Zielsetzungen bestimmte, größere Themenbereiche unterscheiden: den antimanischäische, den antidonatistischen und den antipelagianischen. Antimanichäische Themen beschäftigten Augustin schon in Rom, in Thagaste und während seiner Presbyterzeit in Hippo. Bald nach seiner Bischofsweihe schrieb er noch neben einigen kleineren Abhandlungen seine insgesamt 33 Bücher umfassende Auseinandersetzung mit dem Manichäerbischof Faustus. Um die Wende zum 5. Jahrhundert verebbte allmählich das antimanischäische Schrifttum, da die Manichäer - freilich auch durch die staatliche Gesetzgebung - so gut wie besiegt waren.

Das gegen die Donatisten gerichtete Schrifttum Augustins, dessen Abfassungszeit sich auf rund 25 Jahre erstreckt, umfasst in der kritischen Textausgabe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nicht weniger als ein Dutzend Titel. Als Bischof führte er mehrere Debatten mit den Donatistenführern, von denen einige im Wortlaut festgehalten und veröffentlicht wurden.
Noch während der antidonatistischen Kontroverse beginnt um 412 die dritte apologetische Periode im schriftstellerischen Schaffen Augustins, die Bekämpfung des die Rolle der Gnade im Rechtfertigungsprozess hintansetzenden Pelagianismus. Auch dabei erreichte Augustin durch seine unermüdliche Auseinandersetzung mit den Gegnern die Verurteilung der Pelagianer nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens des Staates. Sein letztes Werk gegen den Pelagianer Julian blieb unvollendet, weil der Tod ihm gleichsam die Feder aus der Hand nahm.
Augustin bekämpfte indes in seinen Schriften auch andere Häresien wie z. B. die Arianer und die gnostischen Priszillianisten als Anhänger der Irrlehren des Origenes. Noch zwei Jahre vor seinem Tode verfasste er auf Drängen des Diakons Quodvultdeus in Karthago ein Handbuch der Häresien, De haeresibus, in dem er nicht weniger als 88 verschiedene Irrlehren beschrieb und beurteilte. Wirft man einen Blick auf die Titel seiner Werke, so kann einem allein schon aufgrund dieser Einsichtnahme die dominierende Rolle des Apologetischen nicht entgehen. Zweifelsohne war der Bischof von Hippo einer der größten Apologeten der Kirche, und dennoch erschöpfte sich sein theologisches Interesse nicht in der Apologetik.

b) Das exegetische Werk
Zu nennen ist darüber hinaus vor allem das exegetische Werk. Zwar war Augustin kein Philologe wie Origenes oder Hieronymus, dennoch dürfte es kaum einen anderen Schriftsteller in der alten Kirche gegeben haben, der bis in seine sprachliche Diktion hinein die Bibel so zum Fundament seines Denkens gemacht hat wie er. Schon in Thagaste schrieb er gegen die Manichäer einen Kommentar zu den Kapiteln 1 und 2 der Genesis. Als Priester legte er die Bergpredigt aus, ebenso den Galaterbrief. Den Römerbrief behandelte er sporadisch. Ein begonnener Kommentar dazu blieb ein Torso. Kaum zum Bischof geweiht, plante er ein vier Bücher umfassendes Werk über die christliche Wissenschaft, De doctrina christiana. In den ersten drei Büchern dieser vielleicht als Handbuch für das theologische Studium konzipierten epochalen Schrift entfaltete er die Prinzipien seiner Hermeneutik und auch viele Einzelanweisungen für die Bibelexegese. Teile des 3. und das ganze 4. Buch vollendete er erst vor seinem Tode.

Um 400 beschäftigen ihn Fragen zu den Evangelien, Quaestiones euangeliorum, und Probleme der Evangelienharmonie, De consensu euangelistarum. Mit der Auslegung des Schöpfungsberichtes der Genesis befasste er sich insgesamt in sieben Werken. Zu nennen ist der 12 Bücher umfassende Kommentar De Genesi ad litteram, an dem er 13 Jahre lang (401-413) arbeitete. Ebenfalls über ein Jahrzehnt lang behandelte er in 124 Predigten oder Traktaten das Johannesevangelium und in zehn Traktaten den ersten Johannesbrief. Seine Auslegung des ganzen Psalters - Enarrationes in Psalmos - erstreckt sich sogar auf beinahe drei Jahrzehnte (392-420). Zum exegetischen Werk zählen ferner die Notizen zum Buch Hiob, Adnotationes in Iob (um 399), die Untersuchungen zum Heptateuch Locutiones in Heptateuchum sowie die »Quaestiones in Heptateuchum« (um 419), schließlich die noch um 427 veröffentlichte Sammlung von Schriftzitaten, »Speculum de scriptura sacra«.

c) Die moral- und pastoraltheologischen Schriften
Eine eigene Gattung bilden die so genannten moraltheologischen Schriften, die - ungefähr ein Dutzend - Augustin während seines Episkopates zu verschiedenen Fragen der Seelsorge (z. B. Enthaltsamkeit, Ehe, Jungfräulichkeit, Witwenschaft, Totenkult etc.) verfasst hat. Ebenfalls pastoraltheologische Motive dürften ihn um 400 veranlasst haben, etwas über die katechetische Unterweisung zu schreiben. Er gab in diesem Büchlein De cathecizandis rudibus nicht nur Anweisungen über die Methode der Einweisung in die christliche Lehre, sondern auch Beispiele eines katechetischen Unterrichtes. Wie eng überhaupt Augustin die Seelsorge mit der Theologie verband, zeigt das Buch »Über Glaube, Hoffnung und Liebe«, das er um 421-423 auf Verlangen eines gewissen Laurentius verfasst hat. Dieser, so berichtet Augustin in seinen Retractationes (retr. 2,63), habe von ihm ein Handbuch, ein Enchiridion erbeten.

Wer allerdings meint, Augustin habe darin zu gleichen Teilen jeweils vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe geschrieben, der sieht sich enttäuscht. Das erbetene Büchlein wurde schlicht ein Kompendium der Dogmatik, in dem die Darlegung der Glaubenswahrheiten den größten Teil ausfüllt.

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