Das Leben des hl. Augustinus V

P. Dr.Dr.h.c. C. P. Mayer OSA

d) Das Korpus der Briefe
Bei aller Dringlichkeit und Vorrangstellung der Seelsorge, die Augustin als Bischof anerkannte und um deren Anforderung gerecht zu werden er sich auch ehrlich bemühte, vergaß er mitnichten, dass die Seelsorge ohne die Theologie leer läuft und versandet. Die Verflechtung von Seelsorge und Theologie kennzeichnet sein kirchliches Amtsverständnis. Dies zeigt das umfangreiche Korpus seiner Briefe (246 überlieferte, ein Achtel der Gesamtzahl), durch die er auf die gebildete Welt von damals nicht weniger einwirkte als durch seine Bücher.

e) Die epochalen Hauptwerke
Aus dem augustinischen Œuvre ragen drei Schriften hervor, die Confessiones (13 Bücher), Der Gottesstaat - De ciuitate dei (22 Bücher) und Über die Dreieinigkeit - De trinitate (15 Bücher). Man fragt sich, woher Augustin bei seinen vielseitigen Amtsgeschäften überhaupt noch die Zeit nehmen konnte, so umfangreiche und theologisch tiefsinnige Werke zu schreiben. »Die dreizehn Bücher meiner Bekenntnisse«, so fasst er in

seinen Retractationes (2,6) Inhalt und Ziel dieser Weltliteratur gewordenen Autobiographie zusammen, »preisen Gott, den Gerechten und Guten, um des Bösen und des Guten willen, das ich in mir gefunden, und sie lenken das menschliche Sinnen und Trachten auf ihn hin. Was mich betrifft, so erfuhr ich dies schon beim Schreiben, und ich erfahre es immer noch beim Lesen. Was andere davon halten, das mögen sie selbst sehen. Ich weiß jedoch, dass sie vielen Brüdern gefallen haben und immer noch gefallen.« Es ist für das Verständnis der Confessiones nicht unwichtig zu wissen, dass Augustin unmittelbar vor ihrer Abfassung (397-401) in der für seine geistige Entwicklung ungemein wichtigen Schrift »Über verschiedene Fragen an Simplician« (um 396) sich über die dominierende Rolle der Gnade im Leben des Menschen Klarheit verschafft hatte.

Seine dabei gewonnenen neuen Einsichten dürften ihn nicht nur zur Abfassung seiner Bekenntnisse entscheidend motiviert haben, sie prägen die Confessiones vom ersten bis zum letzten Satz. Am 24. August 410 besetzte Alarich mit seinen Westgoten Rom. Da sich auf diese nationale Katastrophe hin der Druck der Heiden, speziell der Gebildeten, auf das Christentum verstärkte, dem man die Schuld dafür anlastete, sah Augustin als der Wortführer der Christenheit sich verpflichtet, seine größte apologetische Schrift, De ciuitate dei - Von der Bürgerschaft Gottes, in Angriff zunehmen. Das auf 22 Bücher konzipierte »große und überaus schwierige Werk - magnum opus et arduum« (ciu. 1,8) erschien von 413-427 nach und nach in Abschnitten. Schon beim Erscheinen der ersten Lieferung beeindruckte es die Leser, von denen kein Geringerer als Macedonius, Prokonsul in Afrika, sich fragte, was er am Verfasser dieses Werkes mehr bewundern solle, dessen priesterliche Vollkommenheit oder dessen philosophische Ansichten, die Fülle seines historischen Wissens oder den Reiz seiner Beredsamkeit (ep. 154,2). Die ersten zehn Bücher führen den Nachweis, dass nicht die Christen, sondern die Dekadenz der Heiden die Römische Kultur in den Abgrund geführt habe, während die Bücher 11-22 ein geschichtstheologisches Panorama entwerfen und das gesamte Weltgeschehen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht aus christlicher Sicht als Dualität des »Gottesstaates« und des »Erden- bzw. Teufelsstaates« entwickeln und deuten.

Augustin besaß die seltene Fähigkeit genialer Geister, bei wachsender Belastung noch Größeres zu leisten. Für gewöhnlich arbeitete er gleichzeitig an mehreren Themen. So hatte er, als er mit der Abfassung von De ciuitate dei begann, sein spekulativstes Werk, De trinitate, schon 14 Jahre lang unter seiner Feder. Nach seiner Fertigstellung bemerkte er, er habe es bereits »als junger Mann« begonnen und erst »als Greis« - 20 Jahre später - zum Abschluss gebracht (ep. 174). Da er die Lektüre dieses Opus nur einer theologisch und philosophisch vorgebildeten Leserschaft zutraute, wollte er es nicht wie andere seiner umfangreicheren Schriften in Teilen, sondern nach einer endgültigen redaktionellen Bearbeitung als Ganzes herausgeben. Da diese elitäre Leserschaft den Abschluss des Werkes jedoch kaum abwarten konnte, entwendete man ihm einfach die ersten 12 Bücher, ehe die restlichen drei geschrieben waren (retr. 2,15). De trinitate bildete den Höhepunkt in Augustins theologisch-schriftstellerischem Schaffen. Mit diesem Werk hat er die abendländische Trinitätslehre bis in unsere Zeit herein nicht nur beeinflusst, sondern auch beherrscht.

Augustins Tod während der Belagerung Hippos durch die Vandalen
Augustin war 72 Jahr alt, als er seiner Gemeinde mitteilte, er habe, da er noch alle seine Schriften einer kritischen Revision unterziehen wolle, den Priester Heraklius zu seinem Nachfolger bestimmt (ep. 213). Er schrieb jedoch auch während dieser Zeit der Revision noch acht weitere Werke. Aber im Jahre 430 - seine Bischofsstadt war schon seit drei Monaten von den Vandalen umlagert - waren seine Kräfte erschöpft. Er ahnte wohl den bevorstehenden Untergang Hippos; denn Possidius berichtet, Augustin habe sich trotz eines vielfältigen Engagements zur Rettung der Stadt mit dem Ausspruch eines Weisen (Plotins) getröstet: »Der ist kein Großer, der es für Großes hält, dass Holz und Steine dahinsinken und Sterbliche sterben« (Vita 28). Die letzten zehn Tage verbrachte er allein, die Bußpsalmen betend, die er an die Wand heften ließ.
So starb er am 28. August in Gegenwart seines für ihn betenden Klerus. Sein Name und seine Werke hingegen lebten fort, dominierten das Mittelalter und prägten die Neuzeit, ja sein Denken veranlasst Wissenschaft, Kultur und Frömmigkeit bis heute zu staunender Bewunderung oder scharfer Kritik - jedenfalls aber allemal zu außerordentlicher Anerkennung.

Teil 4