Orden prägt Stadtgeschichte

Der Augustinerorden in Münnerstadt – Stark der Jugend verpflichtet:
»Zum nicht geringen Nutzen der Seelen«, so lautet der Zweck, den der Augustinerorden in der Gründungsurkunde des Münnerstädter Augustinerklosters im Jahre 1279 nennt. Seit dieser Zeit - mit Ausnahme von 100 Jahren im 16./17. Jahrhundert - prägt der Orden der Augustiner die Münnerstädter Stadtgeschichte entscheidend mit. Bis heute sind die Klosterkirche, die Klostergebäude sowie das Studienseminar zentrale Bauwerke innerhalb Münnerstadts. Dort hat sich bis heute augustinisches Leben in verschiedenen Einrichtungen erhalten.

Die Augustiner bauten sich im Ort ein Kloster auf, das in seiner ersten Form bis ins Jahr 1560 bestand. Als Münnerstadt evangelisch wurde, musste es geschlossen werden und stand dann fast 100 Jahre leer. Die ersten Ordensmitglieder kamen 1652 zurück, fanden dort ein baufälliges Kloster vor und mussten Pionierarbeit leisten, um im Städtchen wieder Fuß zu fassen.
Entscheidender Schritt dazu war die Übernahme der Pfarrei und des örtlichen humanistischen Gymnasiums. Am 8. Januar 1685 übertrug der Fürstbischof von Würzburg beide Einrichtungen dem Orden. Darauf gewannen die Augustiner in Münnerstadt schnell an Einfluss.

Fast eine kleine Stadt
Bis zum heutigen Tag betreuen die Geistlichen des Ordens die Pfarrei und Filialen in den umliegenden Ortschaften, während das Gymnasium schon lange eine staatliche Schule ist, obgleich der Orden noch lange Lehrer stellte; heute gibt noch ein Pater dort Religionsunterricht.
Ein großer Teil der nordwestlichen Altstadt ist bestimmt von den Gebäuden, die die Augustiner im Laufe der Jahrhunderte errichtet haben. Bis noch vor wenigen Jahrzehnten bildete der Orden fast eine kleine Stadt in sich: Neben den kirchlichen Einrichtungen des Ordens gab es von der Klosterbrauerei bis hin zur Schreinerei die vielfältigsten handwerklichen Stätten. Die prächtige Rokokokirche des Klosters ist heute nicht nur als Gotteshaus sehr geschätzt; viele Fremde besuchen sie auch wegen ihrer sehenswerten Ausstattung. An die Kirche schließen sich große Bauten an. Unter anderem war dort bis in die 70er Jahre hinein eine Klosterschule angeschlossen. Hier konnten Kinder, die später einmal einen geistlichen Beruf erlernen sollten, ihre Ausbildung am Gymnasium erhalten. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde vom Orden zusätzlich noch ein Knabeninternat, das Studienseminar, gegründet. Beide Einrichtungen, Klosterschule und Jungeninternat, gibt es heute nicht mehr. Internatsschulen waren nicht mehr so gefragt wie noch vor einigen Jahrzehnten. Es kamen immer weniger Schüler.

Der Augustinerorden hat auf diese Entwicklung reagiert. Die ehemalige Klosterschule ist seit 1984 ein Jugendbeleghaus, in dem Gruppen aus ganz Deutschland Freizeiten verbringen. Im Studienseminar sind seit 1991 ein Tageshort und ein Mädchenwohnheim eingerichtet - Einrichtungen, die auf Grund der schulischen Struktur der Stadt von Bedeutung sind. Anpassung an neue Verhältnisse - das ist der Weg, den der Augustinerorden angesichts mangelnden Nachwuchses auch in den eigenen Reihen in Münnerstadt eingeschlagen hat. Jüngster historischer Schritt war der Beschluss des Klosters, das Augustinerkloster in ein „Betreutes Wohnen" umzubauen. Erst im September sind deshalb die dort noch lebenden zehn Augustinermönche ausgezogen und leben jetzt im Studienseminar »St. Josef«. In knapp zwei Jahren sollen die ersten Senioren in diese Appartements einziehen können. Dann werden aber auch die Augustiner wieder dorthin zurückkehren. Denn auch Mitglieder des Ordens werden im Betreuten Wohnen ihr Ordensleben weiterführen können.

Leben in Eintracht
Der Augustinerorden hat in Münnerstadt derzeit noch 13 Ordensmitglieder, die zwei Konventen angehören. Insgesamt zählt die deutsche Augustinerprovinz heute noch knapp 90 Mitglieder.
Vorbild für das Ordensleben ist Augustinus, der 354 bis 430 nach seiner Bekehrung nach dem Beispiel der ersten Christen in Jerusalem mit seinen Freunden Gott in Eintracht und in Gütergemeinschaft dienen wollte und ein bedeutender Kirchenphilosoph wurde. Dieser Vorsatz wurde zur Richtschnur für die Ordensregel der Augustiner.

Zu seiner heutigen Form wurde der Orden 1244 und 1256 aus verschiedenen Gemeinschaften zusammengeschlossen, die bereits nach der Regel des heiligen Augustinus lebten. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es in Deutschland mehr als 80 Klöster.
Mit der Reformation - Martin Luther war Augustiner - traf den Orden ein schwerer Schlag. Auch aus dem Münnerstädter Kloster wandten sich mehrere Ordensbrüder der damals neuen Lehre zu, gingen nach Wittenberg zum Studium und wurden evangelische Pfarrer. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts standen die deutschen Augustinerklöster nochmals in Blüte, bis Revolution und Säkularisation fast alles vernichteten. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland nur noch in Münnerstadt und Würzburg Augustinerkonvente. 1895 wurde die deutsche Augustinerprovinz neu gegründet.