»Hier kann ich der sein, der ich bin«

Ein Leben im Kloster
Der 22-jährige Marcel Holzheimer ist mit Leib und Seele Augustiner
In der Gemeinschaft auf der Suche nach Gott
(Artikel in den »Fränkischen Nachrichten« von Sabine Küssner)

Marcel Holzheimer trägt Kapuzensweatshirt, Jeans und ist schwer beschäftigt. Teile der Klostermauer müssen vom Efeu befreit werden. Sein Blick ist offen, sein Händedruck fest. Eigentlich heißt er gar nicht mehr Marcel Holzheimer, sondern ist Bruder Marcel. Am 5. September 2008 wurde er als 21-Jähriger im Augustinerkloster Messelhausen eingekleidet; an jenem Tag bekam er seinen schwarzen Habit. Seine »alte« Familie war dabei und die »neue« natürlich auch. Von »Das passt zu dir, probier es!« bis »Du lieber Himmel, du???« reichten die Reaktionen, als Marcel einst offen mit dem Gedanken spielte, in ein Kloster einzutreten. Und für seine Mutter ist es immer noch schwer, den Schritt des Sohnes zu verstehen und damit zu leben. »Das Loslassen klappt jetzt aber allmählich«, sagt er und lacht. Schon früh kam der heute 22-Jährige mit der Kirche in Berührung. Er war lange Ministrant in seinem Heimatort Reichenbach bei Münnerstadt. Der Pfarrer gehörte den Augustinern an, und auch der Religionslehrer auf dem Gymnasium war Mitglied in diesem Orden. »In der Kirche war ich immer recht gut daheim«, erinnert er sich gerne zurück. Er befasste sich viel mit dem Ordensgründer Augustinus und den Ordensregeln - und war fasziniert. »Hier kann man der werden, der man ist«, sagt Bruder Marcel. »Augustinus lässt Freiheiten. Jeder kann sein, wie er ist, und steht doch in großer Verantwortung.« Und so fiel ihm die Entscheidung, als Weltpriester in einer Diözese zu dienen oder in den Orden einzutreten, nach dem Abitur nicht allzu schwer. Er wollte unbedingt Augustiner werden. Die ersten beiden Schritte hat er getan. Marcel Holzheimer verbrachte im Augustinerkloster in Würzburg sein Postulat, eine Zeit, in der man in das alltägliche Ordensleben hineinschnuppert und in der Bruder Marcel »nebenbei« an der Universität Würzburg den Griechisch-Schein gemacht hat, und bat dann erfolgreich um Zulassung zum Noviziat.

Am 5. September 2008 wurde dann aus Marcel Holzheimer der Novize Bruder Marcel. Er bezeichnet das Noviziat als ein Jahr »des intensiven Hinhörens: Was läuft in mir ab? Was möchte mir Gott sagen?« »Aber eigentlich ist das ganze Leben ein ständiges Hören«, so der Novize. Das Klosterleben findet der junge Mann »spannend, weil wir so unterschiedlich sind«. »Im Kloster ist nicht immer heile Welt«, räumt er mit Klischees auf. »Es geht bei uns völlig normal zu und nicht wie im Spielfilm 'Der Name der Rose' . Ich sitze nicht den ganzen Tag drinnen und bete, und wir leben auch nicht nur von Wasser und Brot«, sagt er und fügt mit einem Blick auf den kleinen Bauchansatz lachend hinzu: »Wie man sieht«. Der Tag beginnt für ihn und seine Ordensbrüder um 6.45 Uhr mit den Laudes, dem Morgengebet. Danach meditiert er mit dem Novizenmeister und Prior des Klosters Messelhausen, Pater Christoph. Nach dem Frühstück führen die Beiden so oft es geht Gespräche über aktuelle Themen, aber natürlich auch über die Ordensgeschichte, augustinische Texte, die Psalmen oder die drei Gelübde: Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut. Diese Noviziats-Gespräche sind für »Schüler« und »Lehrer« gleichermaßen bereichernd. »Wir wollen beide keinen Frontalunterricht«, sagt Bruder Marcel. Für Pater Christoph findet er nur lobende Worte: »An ihm sieht man, wie das Leben ist. Er zeigt, dass man an Tiefs wachsen kann.«

Um 11.45 Uhr, zur Sext, trifft sich der Konvent zum Mittagsgebet, danach gibt es Essen. Den Nachmittag kann man dann im Rahmen des Möglichen nach seinen Interessen gestalten. In einem Kloster wie Messelhausen, in dem auch viele Seminare und Kurse abgehalten werden, gibt es immer viel zu tun. Und der wunderschöne, große Park will natürlich auch in Schuss gehalten sein. Dort, in der Natur, aber auch bei Begegnungen mit Menschen fühlt sich Bruder Marcel Gott am nächsten. Und beim Singen. »Wer singt, betet doppelt«, sagte schon Augustinus. Um 17.45 Uhr versammelt sich die Gemeinschaft zur Vesper und danach zum Abendessen. Durchaus wird später, wenn es die Zeit erlaubt, auch einmal ein Fußballspiel im Fernsehen angeschaut. Sich als Gemeinschaft auf die Suche nach Gott zu machen, das mag der Novize so sehr am Klosterleben. »Ich kann hier der sein, der ich bin - so wie es von Augustinus gewollt ist - und muss mich nicht nach außen verschließen. Kontakte und Beziehungen bleiben bestehen. Seit neuestem haben wir hier auch DSL«, freut er sich. So können noch schneller E-Mails mit den Novizen anderer Orden ausgetauscht werden. Mit seinen 22 Jahren ist Bruder Marcel zurzeit der Jüngste in der deutschen Augustinerprovinz. Den Habit trägt er, wie seine Mitbrüder auch, zu den Gottesdiensten, wie zum Beispiel dem Gottesdienst am Mittwochmorgen, den der Konvent zusammen mit Gläubigen aus den umliegenden Dörfern feiert und natürlich bei öffentlichen Veranstaltungen der Augustiner. »Wenn ich ihn in der Öffentlichkeit anhabe, fühle ich mich nicht anders, aber ich werde anders behandelt« sagt er. »Dabei bin ich nichts Besseres.

Ich bin dann immer noch der Marcel.« Und was wünscht sich »der Marcel« für die Zukunft? »Dass ich mein Leben zufrieden in der Gemeinschaft mit meinen Mitbrüdern leben kann.« Zunächst möchte er in Würzburg Theologie studieren - dazu wird er auch wieder ins dortige Augustinerkloster zurückkehren - und später in der Seelsorge und vielleicht auch als Lehrer tätig sein. Was aber, wenn ihm die Liebe in die Quere kommt? »Verlieben ist menschlich«, antwortet Bruder Marcel, der früher auch schon eine Freundin hatte. »Das andere Geschlecht gehört zum Leben dazu«, sagt er, »aber man muss eine klare Entscheidung treffen. Ich habe mich für ein Leben in der brüderlichen Gemeinschaft und für Gott entschieden.« Ein Entenpärchen fliegt laut schnatternd über ihn hinweg, als er wieder zurück zur Arbeit an der Klostermauer geht. Die Sonne blinzelt durch die hohen Bäume. Bruder Marcel schaut in den sattgrünen Park und sagt: »Das ist Leben pur!«

Predigt zur ersten Profess von Marcel Holzheimer - von P. Christoph Weberbauer OSA als PDF: profess_marcel_predigt.pdf - 111 KB