„Darf‘s ein bisschen anders sein?“

Das 11. bis 13. Jahrhundert war für West- und Mitteleuropa die große Zeit der Städtegründungen. Sie boten als Warenumschlagsplätze die notwendigen Voraussetzungen für die Niederlassung des Handwerks. Und schließlich machte „Stadtluft frei" - zumindest, wenn man in einer Stadt das Bürgerrecht erwerben konnte, das im Allgemeinen von einer Tendenz zur Freiheit gekennzeichnet war.

Auch die Religiosität der Städter befand sich im Wandel und ihre Beziehung zur Kirche war nicht selten spannungsgeladen. Denn zum einen hatte manch ältere Stadt um die Unabhängigkeit von einem bischöflichen Landesherrn gekämpft, zum andern erlebte man die kirchliche Hierarchie dem alten feudalen System näher als der bürgerlichen Welt. So waren die Bettelorden in den Städten durchaus willkommen, zwar nicht bei der eingesessenen Geistlichkeit, aber bei den Stadträten. Die Bürger kannten sie bald als gute Prediger und Beichtväter. Durch die Betreuung von Bruderschaften waren sie ein wichtiger Faktor im städtischen Sozialleben. Ihre Ausbildung war fundiert, so dass sie auch in Humanistenkreisen mitreden konnten. Und dass sie sich nicht zu schade waren zum Betteln und überwiegend vom Ertrag ihrer Arbeit lebten, brachte ihnen sogar Popularität bei denen ein, die in der sozialen Rangordnung einen niedrigeren Stand einnahmen. In einigen Städten war ihnen sogar die Betreuung der Spitäler für die Aussätzigen, die jedes Recht verloren hatten, anvertraut. Ihre Seelsorge war eben ein bisschen anders als die in den Pfarreien. Auf diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich auch unser Bettelorden, die Augustiner-Eremiten, nach seiner Gründung 1256, blitzschnell verbreitete.

Am 13. Mai 1263 wurde die Gründung des Augustinerklosters in der heutigen Augustinerstraße neben dem alten Sandertor und dem Jörgenturm bestätigt. Die Säkularisation ließ das Kloster St. Georg untergehen, konnte aber die hartnäckig in Würzburg verbleibenden Augustiner nicht vertreiben. 1827 durften sie Wohnung im leer stehenden Dominikanerkloster am Würzburger Dominikanerplatz nehmen.
Hier nun versuchen wir bis heute und auch in Zukunft unseren Wurzeln gerecht zu werden: Wir bemühen uns, Seelsorger zu sein, vielleicht immer noch ein bisschen anders als es von den Mitbrüdern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Gemeinden geleistet werden kann. Noch immer sind wir Prediger und Beichtväter, versuchen aber über die Beichte hinaus offene Ohren zu haben für die Nöte und Gebrochenheiten der Menschen um uns herum, sei es im Gesprächsladen, an der Klosterpforte oder durch das miteinander getragene Bittgebet in den Ritafeiern. Mit den heutigen Mitbürgern teilen wir unsere Freude an Kultur und Musik. Und wir hören nicht auf, danach zu suchen, was unsere Aufgabe heute als Bettelorden in der Kirche ist. Ich hoffe, Sie erleben: Wir sind noch lange nicht am Ende!

P. Dominik Wernicke