Zur »Spiritualität« des Hauses

Nach dem Einzug und den ersten Wochen des darin Wohnens machten wir manch überraschende Entdeckung an unserem Neubau.

Es fiel uns auf, dass das Quadrat des Grundrisses mit 13,5 m Seitenlänge die Quersumme von 9 ergibt. So dass unser Haus also gründet auf 3 hoch 2 auf 3 hoch 2. Somit verbindet sich die 4, die Zahl der irdischen und menschlichen Vollkommenheit mit dem doppelten Quadrat der 3, der Zahl der unendlichen Fülle. In der Mitte des Quadrates ruht auf einem Kreis die spiralenförmig nach oben führende Wendeltreppe. Ein Bild des menschlichen Lebens, das immer wieder dieselben Stellen in der Entwicklung berührt und doch die Möglichkeit hat, nach oben fortzuschreiten. Natürlich lässt es sich auch denken, dass der Mensch, der sich oft nur im Kreise dreht, doch durch Gottes Gnade nach oben geführt werden kann. Dazu passt auch, dass auf dieser Treppe das Licht von oben einfällt und sie bis unten erleuchten will. In der Decke des Treppenkopfes hatten wir eine größere Anzahl an Strahlern anbringen lassen, die des Nachts an die Verheißung an Abraham erinnern: Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Wir nennen diese Beleuchtung auch scherzhaft den »Novizenhimmel«. All diese nachträglich entdeckten, sinnreichen Ideen ließen sich gut in Verbindung bringen mit zwei im Voraus geplanten Verzierungen. Es war uns wichtig, dass auf das Dach des neuen Klosters eine Wetterfahne kam, die natürlich die vier Himmelsrichtungen angibt und aufsteigt zu den Gestirnen. Sie erinnert oben in einer plastischen Darstellung an die Legende über den hl. Augustinus, die von seinem Nachgrübeln über die hl. Dreifaltigkeit erzählt und der Begegnung mit dem ihn belehrenden Kind.

Augustinus ging am Strand spazieren und sah ein Kind, das eine Kuhle im Sand gebildet hatte und mit einer Muschelschale Wasser hinein füllte. Auf die Frage Augustins an das Kind, was es da tue, antwortete es ihm: Ich fülle das Meer in meine Kuhle. Schmunzelnd sagte Augustin: »Niemals mein Kind, wirst du das große Meer in deine kleine Kuhle schütten können.« Das Kind blickte zu ihm auf und sagte: »Und so wirst auch du nie das Geheimnis der Dreifaltigkeit ergründen.« Um aus den Höhen der Theologie zurückzukehren in den Alltag, sind die vier First-Endsteine, die nach unten blicken, verziert mit Symbolen der Gegend und der Landschaft, in der wir wohnen. Darum ist auf einer Ecke das Niedersachsenross abgebildet, auf der anderen zwei Schweinchen als das Lieblingstier des Eichsfelds, an den beiden anderen Ecken befinden sich zwei sehr häufig hier anzutreffende Pflanzen, die Heckenrose und die Eiche.

© P. Ulrich Miller, (Prior bis 2003), Germershausen, Oktober 2001